Der Wechsel eines Praxisverwaltungssystems (PVS) gehört zu den anspruchsvollsten Veränderungsprojekten in einer Zahnarztpraxis. Schliesslich betrifft das PVS nicht nur die Patientenverwaltung und Terminplanung, sondern in meistens alle zentralen Abläufe – von der Leistungserfassung und Abrechnung über die Dokumentation bis hin zur Kommunikation mit Kostenträgern, Laboren und weiteren Systemen.
Damit die Entscheidung nicht allein von einer überzeugenden Produktpräsentation oder einzelnen Funktionswünschen abhängt, sollten die Anforderungen der Praxis vor der Anbieterauswahl systematisch erfasst werden. Ein strukturiertes Lastenheft schafft hierfür eine verlässliche Grundlage. Es beschreibt aus Sicht der Praxis, was das neue System leisten muss, während der Anbieter erläutert, wie er diese Anforderungen technisch umsetzt.
Warum soll das bestehende PVS ersetzt werden?
Am Anfang sollte nicht die Frage stehen, welches System angeschafft werden soll, sondern weshalb die bisherige Lösung nicht mehr ausreichend ist.
Mögliche Gründe können sein:
- umständliche oder doppelte Arbeitsschritte,
- fehlende Schnittstellen,
- unzureichende Unterstützung bei Abrechnung und Dokumentation,
- mangelnde Auswertungsmöglichkeiten,
- langsame oder störanfällige Prozesse,
- unzureichender Support,
- steigende Kosten,
- fehlende Entwicklungsperspektiven des bisherigen Systems.
Je genauer die Praxis die Ausgangssituation beschreibt, desto besser lässt sich später beurteilen, ob ein neuer Anbieter tatsächlich eine Verbesserung bietet.
Die bestehenden Praxisabläufe analysieren
Ein PVS-Wechsel sollte nicht dazu führen, dass ungünstige Abläufe unverändert in ein neues System übertragen werden. Deshalb empfiehlt es sich, zunächst die aktuellen Prozesse zu betrachten.
Welche Arbeitsschritte funktionieren gut? Wo entstehen Wartezeiten, Rückfragen oder Mehrfacheingaben? Welche Tätigkeiten werden ausserhalb des Systems mit Excel-Listen, Papierformularen oder zusätzlichen Programmen erledigt?
Besonders relevant sind beispielsweise:
- Patientenaufnahme und Stammdatenpflege,
- Terminplanung und Recall,
- Behandlungsdokumentation,
- Leistungserfassung,
- BEMA- und GOZ-Abrechnung,
- Heil- und Kostenpläne,
- PAR-, KBR- und ZE-Prozesse,
- Kommunikation mit Patienten,
- Material- und Laborverwaltung,
- Controlling und Statistiken,
- Aufgaben- und Dokumentenmanagement.
Die Analyse zeigt nicht nur, was das neue System können muss, sondern auch, welche Prozesse im Zuge des Wechsels vereinfacht oder neu organisiert werden können.
Mitarbeitende frühzeitig einbinden
Die Anforderungen an ein neues PVS sollten nicht allein von der Praxisleitung oder einem kleinen Projektteam festgelegt werden. Die späteren Anwenderinnen und Anwender kennen die praktischen Schwachstellen häufig besonders genau.
Rezeption, Assistenz, Prophylaxe, Behandler, Abrechnung und Praxismanagement nutzen unterschiedliche Funktionen des Systems. Deshalb sollten alle relevanten Arbeitsbereiche frühzeitig einbezogen werden.
Hilfreich sind kurze Interviews, Teamworkshops oder konkrete Anwendungsfälle, beispielsweise:
„Die Abrechnungsmitarbeiterin muss unvollständig dokumentierte Leistungen vor der Rechnungserstellung schnell erkennen können.“
Aus solchen Alltagssituationen lassen sich konkrete und überprüfbare Anforderungen ableiten.
Anforderungen im Lastenheft festhalten
Das Lastenheft beschreibt die Erwartungen der Praxis an das neue System. Dabei sollten die Anforderungen so genau wie nötig, aber gleichzeitig so offen wie möglich formuliert werden. Der Anbieter soll verstehen, welches Ergebnis erwartet wird, ohne dass die Praxis bereits eine bestimmte technische Lösung vorgibt.
Eine sinnvolle Gliederung kann umfassen:
Funktionale Anforderungen
Hier wird beschrieben, welche Aufgaben das PVS unterstützen soll. Dazu gehören beispielsweise:
- Patienten- und Terminverwaltung,
- digitale Anamnese und Formulare,
- Behandlungsdokumentation,
- Abrechnungsprüfung,
- HKP-Erstellung,
- Mahnwesen,
- Recall-Funktionen,
- Aufgabenverwaltung,
- Statistiken und betriebswirtschaftliche Auswertungen.
Technische Anforderungen
Zu prüfen sind unter anderem:
- lokale Installation oder Cloudlösung,
- Arbeitsplatz- und Geräteanforderungen,
- Datensicherung,
- Rechte- und Benutzerverwaltung,
- Verfügbarkeit und Geschwindigkeit,
- mobile Nutzung,
- Mehrstandortfähigkeit,
- Schnittstellen zu vorhandenen Programmen und Geräten.
Organisatorische Anforderungen
Auch die Einführung selbst gehört in die Planung:
- Zeitrahmen für den Wechsel,
- Zuständigkeiten,
- Schulungsumfang,
- Support während der Umstellung,
- Erreichbarkeit des Anbieters,
- Testbetrieb,
- Dokumentationen und Arbeitsanleitungen.
Muss-Anforderungen von Zusatzwünschen trennen
In der Praxis entsteht schnell eine lange Wunschliste. Nicht jede gewünschte Funktion ist jedoch für den täglichen Betrieb zwingend erforderlich.
Bewährt hat sich eine Einteilung in drei Kategorien:
Muss-Anforderungen
Diese Funktionen sind unverzichtbar. Werden sie nicht erfüllt, kommt der Anbieter nicht infrage.
Soll-Anforderungen
Diese Funktionen bringen einen deutlichen Nutzen und sollten möglichst vorhanden sein.
Kann-Anforderungen
Diese Funktionen wären hilfreich, sind für die Entscheidung jedoch nicht ausschlaggebend.
Durch diese Priorisierung wird verhindert, dass weniger wichtige Zusatzfunktionen den Blick auf die entscheidenden Anforderungen verstellen. Gleichzeitig lassen sich Angebote wirtschaftlicher und objektiver vergleichen.
Schnittstellen und bestehende Systeme berücksichtigen
Ein Praxisverwaltungssystem arbeitet selten isoliert. Vor der Auswahl müssen deshalb alle angrenzenden Systeme und Geräte erfasst werden.
Dazu können gehören:
- digitale Röntgensysteme,
- DVT- und Bildverwaltungssoftware,
- Abrechnungs- und Factoringdienstleister,
- Finanzbuchhaltung,
- Online-Terminbuchung,
- Telefonanlage,
- Patientenkommunikation,
- Kartenterminals und Telematikinfrastruktur,
- Laborsoftware,
- Dokumentenmanagement,
- Zeiterfassung oder Personalverwaltung.
Eine wichtige Frage lautet daher nicht nur: „Kann das neue PVS diese Funktion?“, sondern auch: „Wie werden die vorhandenen Systeme angebunden und welche Kosten entstehen dafür?“
Datenmigration nicht unterschätzen
Die Übernahme der bestehenden Daten ist einer der kritischsten Punkte beim PVS-Wechsel. Vor Vertragsabschluss sollte genau geklärt werden, welche Daten migriert werden können.
Dazu zählen insbesondere:
- Patientenstammdaten,
- Behandlungsdokumentationen,
- Befunde,
- Abrechnungsdaten,
- offene Posten,
- Heil- und Kostenpläne,
- Recall-Informationen,
- Dokumente und Schriftverkehr,
- Bild- und Röntgendaten,
- individuelle Textbausteine und Leistungsketten.
Ebenso wichtig ist die Frage, in welcher Qualität die Daten übernommen werden. Eine technisch erfolgreiche Migration bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche Informationen anschliessend vollständig, sinnvoll strukturiert und im Praxisalltag nutzbar sind.
Deshalb sollten Testmigrationen, Kontrollmöglichkeiten und klare Verantwortlichkeiten vereinbart werden.
Anbieter anhand derselben Kriterien vergleichen
Produktpräsentationen unterscheiden sich häufig stark voneinander. Jeder Anbieter zeigt bevorzugt die Funktionen, in denen sein System besonders überzeugt. Ein Lastenheft sorgt dafür, dass alle Anbieter auf dieselben Fragen antworten müssen.
Für jede Anforderung sollte festgehalten werden:
- vollständig erfüllt,
- teilweise erfüllt,
- nur durch Zusatzmodul möglich,
- individuelle Anpassung erforderlich,
- derzeit nicht verfügbar.
Ergänzend sollten Kosten, Einführungsaufwand, Supportqualität, Schulungskonzept und Vertragsbedingungen bewertet werden. Eine gewichtete Bewertungsmatrix erleichtert die Entscheidung und macht sie auch im Nachhinein nachvollziehbar.
Das System unter Praxisbedingungen testen
Eine Produktdemo allein reicht für eine fundierte Entscheidung meist nicht aus. Entscheidend ist, ob typische Arbeitsabläufe der Praxis tatsächlich komfortabel umgesetzt werden können.
Vorbereitet werden sollten konkrete Testszenarien, beispielsweise:
- Aufnahme eines neuen Patienten,
- Erstellung und Änderung eines Heil- und Kostenplans,
- Dokumentation einer komplexen Behandlung,
- Abrechnung eines privaten Behandlungsfalls,
- Prüfung fehlender Leistungen oder Dokumentationen,
- Übergabe an einen Abrechnungsdienstleister,
- Erstellung einer Tages- oder Monatsauswertung.
Solche Anwendungsfälle machen Unterschiede zwischen den Systemen deutlich sichtbar und zeigen, wie viele Arbeitsschritte tatsächlich erforderlich sind.
Einführung, Schulung und Umstellung planen
Mit der Vertragsunterzeichnung ist das Projekt nicht abgeschlossen. Erst die sorgfältige Einführung entscheidet darüber, ob das neue System im Praxisalltag akzeptiert und sicher genutzt wird.
Ein realistischer Projektplan sollte unter anderem berücksichtigen:
- Vorbereitung und Bereinigung der Altdaten,
- Testmigration,
- Einrichtung der Arbeitsplätze,
- Konfiguration von Rollen und Berechtigungen,
- Anpassung von Formularen und Textbausteinen,
- Schulung der unterschiedlichen Nutzergruppen,
- Testbetrieb,
- endgültige Datenübernahme,
- Begleitung während der ersten Arbeitstage,
- Nachschulungen und Optimierungen.
Gerade während der Startphase sollte ausreichend Zeit eingeplant werden. Ein neues PVS verändert vertraute Routinen und kann zunächst zu längeren Bearbeitungszeiten führen.
Typische Fehler beim PVS-Wechsel
Probleme entstehen häufig nicht durch das neue System selbst, sondern durch eine unzureichende Vorbereitung.
Zu den häufigsten Fehlern gehören:
- Auswahl allein nach Preis oder Produktpräsentation,
- fehlende Einbindung der späteren Anwender,
- unklare Anforderungen,
- unterschätzter Aufwand der Datenmigration,
- nicht geprüfte Schnittstellen,
- zu knapp geplante Schulungen,
- fehlende Testfälle,
- parallele Änderungen zu vieler Praxisprozesse
- unklare Verantwortlichkeiten während der Umstellung.
Auch nachträgliche Zusatzwünsche können Kosten und Zeitplanung erheblich verändern. Deshalb sollten neue Anforderungen während des Projekts dokumentiert, bewertet und bewusst freigegeben oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.
Fazit: Der PVS-Wechsel ist ein Praxisprojekt – kein reiner Softwarekauf
Ein neues Praxisverwaltungssystem sollte nicht nur technisch moderner sein. Es muss die Abläufe der Praxis sinnvoll unterstützen, Mitarbeitende entlasten und langfristig zur Organisation und Entwicklung der Praxis passen.
Die wichtigste Grundlage dafür ist eine sorgfältige Vorbereitung. Wer die eigenen Prozesse analysiert, Anforderungen priorisiert, Schnittstellen und Datenmigration frühzeitig klärt und verschiedene Anbieter anhand einheitlicher Kriterien bewertet, reduziert das Risiko einer Fehlentscheidung deutlich.
Ein gut aufgebautes Lastenheft schafft dabei Transparenz – für die Praxis ebenso wie für den zukünftigen Anbieter. Es macht aus einer allgemeinen Suche nach einem „besseren PVS“ ein strukturiertes und überprüfbares Auswahlprojekt.
Bereiten Sie Ihren PVS-Wechsel strukturiert vor und schaffen Sie eine verlässliche Grundlage für die Auswahl Ihres neuen Praxisverwaltungssystems.
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